„Ich brauche mal eine neue Website.“

Der Satz kam Dienstagmorgen, zehn vor acht, vor meinem ersten Kaffee. Am Telefon: ein Tischlermeister aus dem Landkreis Cloppenburg. Zwei Gesellen, Betrieb seit über zwanzig Jahren. Seine Website: 2015 von einem Bekannten gebaut. Läuft noch. Macht keinen Ärger. „Was kostet so was Neues? Vier-, fünftausend?“ Und das klang nicht nach einem Mann, der lange überlegen muss.

Ich hab nicht mit einem Preis geantwortet. Ich hab gefragt: „Wann hat dich zum letzten Mal ein Kunde über deine Website gefunden?“

Stille. Dann: „Weiß ich ehrlich gesagt nicht. Weiß man das?“

Man kann. Man muss nur wollen. Und genau da lag sein Problem — nicht bei der Website.

Ich verkaufe Websites. Ich hab also allen Grund, dir das Gegenteil zu erzählen. Mach ich aber nicht. Denn in den allermeisten Fällen, in denen mir einer sagt „Ich brauche eine neue Website“, braucht er keine neue Website. Er braucht eine Diagnose. Erst gucken, dann kaufen. Und manchmal: gar nicht kaufen.

Warum „neu“ sich immer richtig anfühlt

Ich verstehe den Reflex ja. Eine neue Website ist wie ein neues Auto. Es gibt einen Termin, eine Unterschrift, und ein paar Wochen später steht was Glänzendes da, und jeder sieht: Da hat sich was getan. Ein Projekt mit Anfang, Mitte und Ende. Das Gefühl dabei: Fortschritt.

Was deinen Betrieb wirklich voranbringt, fühlt sich leider nicht so an. Gefunden werden. Vertrauen. Erreichbar sein. Das ist unsichtbare Arbeit: zwanzig Fotos, die auf deinem Handy vergammeln. Fünf Bewertungen, die du noch nicht eingesammelt hast. Drei Sätze über deinen Betrieb, die du noch nie aufgeschrieben hast. Fühlt sich nach Kleinkram an. Ist es nicht.

Dazu kommt der Verkäufer. Ich darf das sagen, ich bin selbst einer: Es verkauft sich leichter, wenn was Neues her muss. Und am leichtesten verkauft sich das Neueste. „Sie brauchen mal was Moderneres“ ist der Satz, mit dem sich jedes Angebot von selbst erklärt. Fragst du dagegen „Muss das wirklich sein?“, wird das Gespräch anstrengend. Für den Verkäufer.

„Neu“ ist kein Plan. „Neu“ ist ein Gefühl.

Der Fehlerspeicher: drei Fragen vor jedem Angebot

Kein Kfz-Meister tauscht Teile auf Verdacht. Erst wird ausgelesen, gemessen, geguckt — dann bestellt. Warum machen wir das mit Websites andauernd anders? Deine Website hat auch einen Fehlerspeicher. Er besteht aus drei Fragen. Beantworte sie ehrlich, und du weißt selbst, ob du eine neue brauchst — früher, als dir das irgendein Verkäufer „empfiehlt“.

Frage 1: Findet dich überhaupt jemand?

Nicht auf deine Website gucken. Auf Google gucken. Öffne ein Inkognito-Fenster — sonst siehst du nur, was du sowieso immer siehst — und tippe ein, was ein Kunde tippen würde: dein Gewerk plus dein Ort. „Tischler Cloppenburg.“ Und dann schau: Kommt da ein Konkurrent? Die Karte? Oder gar nichts, was du bist?

Wenn du hinter Betrieben stehst, die nicht besser sind als du, dann würde eine neue Website dich in erster Linie schöner unsichtbar machen. Ein schickeres Schild, in eine Gasse gehängt, durch die keiner läuft. Das ist kein Designproblem. Das ist ein Sichtbarkeitsproblem. Und das fängt fast nie bei deiner Website an. Es fängt bei deinem Google-Profil an, bei deinen Bewertungen, bei den Namen, die in den Köpfen der Leute herumgehen.

Frage 2: Wenn dich einer findet — ruft er an?

Stell dir vor, du wärst heute zum ersten Mal auf deiner Seite. Du bist kein Website-Fachmensch. Du bist ein Mensch mit einem Problem und sechzig Sekunden Zeit, bevor die Kinder reinplatzen. Du suchst drei Dinge, in dieser Reihenfolge: eine Nummer, die du antippen kannst. Einen Satz, der dir sagt, was die machen — für wen und wo. Und einen Grund zu glauben, dass da kein Pfuscher am Werk ist.

Diesen Test mach ich mit jedem Betrieb: Handy raus, Seite auf, Daumen drauf. Sechzig Sekunden. Ist die Nummer sofort sichtbar und antippbar? Steht im ersten Bildschirm, was und wo? Zeigt jemand echte Fotos von echter Arbeit? Wenn ja — die Seite macht ihren Job. Wenn nein, dann repariere das: Fotos, ein Textabend, eine Telefonnummer nach oben. Kostet einen Bruchteil von einem Neubau. Die meisten Website-Probleme sind nämlich keine Technik-Probleme. Es sind Erzähl-Probleme.

Frage 3: Woher weißt du, dass sie nichts bringt?

„Die bringt doch nichts.“ Diesen Satz höre ich fast jede Woche. Dann frag ich zurück: „Woher weißt du das?“ Und die ehrliche Antwort lautet fast immer: „Na ja. Es ruft keiner an.“ Das ist keine Messung. Das ist ein Gefühl. Und Gefühle sind schlechte Buchhalter.

Die Reparatur kostet dich keinen Cent: Zettel an die Werkstatt, Kuli daneben. Drei Wochen lang schreibt jeder, der anruft, eine Strichliste — Website, Google, Empfehlung, kennt mich. Drei Wochen, mehr braucht es nicht, um zu wissen, ob deine Website auf Platz 1 oder Platz 4 deiner Kundenquellen steht. Wie das genau geht, hab ich hier aufgeschrieben: „Deine Website bringt nichts“ — nein, du misst nur nicht.

Wann eine neue Website wirklich richtig ist

Und eins will ich klarstellen: Hier geht es nicht um Nettigkeit. Es gibt Betriebe, denen verkaufe ich eine neue Seite ohne Zögern — manchmal dränge ich sogar. Nämlich dann:

  • Wenn du nicht mehr an deine eigene Website kommst. Kein Zugang, Domain auf den Namen von jemandem, den du nicht mehr erreichst, Passwörter im Nirgendwo. Dann ist nicht die Seite kaputt, sondern der Besitz. Ob dir deine Website überhaupt noch gehört, kannst du in zehn Minuten prüfen: Der 10-Minuten-Check.
  • Wenn die Technik wirklich hin ist. Abgelaufenes Zertifikat und bei jedem Besuch die „Nicht sicher“-Warnung. Handy-Ansicht gebrochen, sodass man rein- und rauszoomen muss wie 2009. Ladezeit, bei der selbst dein geduldigster Stammkunde weiterklickt.
  • Wenn jede Kleinigkeit ein Projekt wird. Öffnungszeiten ändern: drei Wochen und eine Rechnung. Ein Foto tauschen: geht nur über den Bekannten, der nie Zeit hat. Irgendwann ist der Stau größer als der Neubau.
  • Wenn du etwas brauchst, das die alte Seite nie können wird. Neue Leistungen, neuer Standort, Terminbuchung. Dinge, für die du sonst jeden Monat Geld in eine alte Basis steckst.

Ein Beispiel, damit das keine Theorie bleibt: Vorletzte Woche hat mich ein Elektrobetrieb angerufen — derselbe Satz wie beim Tischler: „Brauche mal eine neue Website.“ Wir haben die alte angeschaut. Zertifikat abgelaufen. Hoster antwortet seit Wochen nicht. Zugänge hatte nie jemand. Da hab ich gesagt: Ja. Neu. Sofort. Ohne schlechtes Gewissen. Denn reparieren konnte man da nichts mehr.

Wann du sie behalten solltest — auch wenn es in den Fingern juckt

Und jetzt die Gegenliste. Behalten, wenn:

  • Sie alt aussieht — und sonst funktioniert. Ich hab mal aufgeschrieben, warum so viele Handwerker-Websites aussehen wie 2008. Was nicht in dem Text stand: „Also reißt alles ab.“ Eine alte Seite mit echten Fotos, klaren Sätzen und einer Nummer, die funktioniert, schlägt die schönste neue Seite, die nichts erzählt. „Alt“ ist eine Beschreibung. Keine Diagnose.
  • Du sie einfach nicht mehr sehen kannst. Glaub mir: Du bist der Einzige, den das stört. Du siehst deine Website jeden Tag. Dein Kunde sieht sie einmal im Leben — und dann will er wissen, ob du es ernst meinst. Nicht, welchen Zeilenabstand du hast. Du bist nicht der Kunde deiner Website.
  • „Modern“ das einzige Argument ist. Modern ist ein Geschmack. Gefunden werden ist ein Ergebnis. Anrufe sind ein Ergebnis. Kauf Ergebnisse.
„Alt“ ist eine Beschreibung. Keine Diagnose.

Und noch ein Satz, der auch für mich gilt: Wenn dir jemand eine neue Website verkaufen will und dir vorher nicht drei Fragen stellt wie die oben — dann frag ihn, wann du sie nicht neu bauen sollst. Wenn er darauf keine Antwort hat, weißt du schon, was das Angebot wert ist.

Der ehrlichste Satz, den ich in diesem Text schreibe

Es gibt nämlich noch einen Fall, und ich schreib ihn ausdrücklich hin, weil er der häufigste ist: „Ich will eine neue.“ Nicht brauchen. Wollen. Das ist ein völlig legitimer Satz. Ich hab es dieses Jahr mit meiner eigenen Website genauso gemacht: neu gebaut, obwohl die alte lief. Ich hab es nicht gebraucht. Ich hab es gewollt. Und weil ich das wusste, konnte ich in Ruhe entscheiden, was es mir wert ist — statt mir selbst was vorzumachen.

Der Unterschied ist wichtig: Wer will, kauft gut. Wer „braucht“, obwohl es nicht stimmt, kauft gegen ein Problem, das bleibt. Nur mit neuer Hülle. Und das ist die teuerste Variante von allen.

Wenn es denn neu sein soll: vier Regeln

  • Erst der Inhalt, dann das Design. Eine neue Hülle um die alten Texte ist ein neues Auto mit dem alten Motor. Schreib die Texte vorher — aus den Fragen, die dir Kunden am Telefon am häufigsten stellen. Kein Kunde hat je gesagt: „Die Seite war mir zu alt.“ Aber viele haben gedacht: „Ich hab nach zwei Minuten nicht gewusst, ob die auch zu mir kommen.“
  • Behalt, was funktioniert. Ein Relaunch ist kein Kahlschlag. Was gut läuft, lässt du in Ruhe.
  • Miss vorher und nachher. Der Zettel läuft weiter. Sonst weißt du nie, ob das teure Stück wirklich was gebracht hat.
  • Hol dir die Schlüssel. Domain auf deinen Namen, Zugänge in deine Schublade, alles auf Papier. Damit der nächste Anruf in fünf Jahren nicht wieder mit „Wem gehört das eigentlich?“ anfängt.

Und der Tischler?

Der bekommt gerade keine neue Website. Er bekommt eine Diagnose — und die fällt gar nicht schlecht aus: Die Seite läuft, das Handy-Erlebnis ist okay, die Texte sind lahm, die Fotos fehlen, die Sichtbarkeit hat Luft nach oben. Also läuft bei ihm jetzt das Zuerst-billig-dann-teuer-Programm: Profil aufgeräumt, Fotos rein, Texte neu — seine Sätze, nicht meine. Wenn die Zahlen nach drei Wochen was anderes sagen, reden wir wieder über neu. Vorher nicht.

Deine Website ist ein Werkzeug, kein Denkmal. Werkzeuge tauscht man, wenn sie nicht mehr funktionieren — nicht, wenn sie nicht mehr gefallen.

Und wenn dir demnächst jemand eine neue Website verkaufen will, ohne dir vorher drei Fragen zu stellen — dann ist nicht deine Website das Problem. Dein Gegenüber ist es. Melde dich gern bei mir; ich stell die drei Fragen jedem. Auch wenn am Ende rauskommt: „Behalt sie.“ Gerade dann.