„Weißt du, was das für eine Arbeit war?“ Er stand vor dem Geländer, das an der Wand lehnte. Sechs Meter, geschwungene Linien, handgeschmiedet, jedes Teil einzeln. Ich hatte ihn nur gefragt, ob es einen Auftrag gibt, der ihm noch im Kopf rumgeht. Dann hat er geredet. Zwanzig Minuten lang. Wie drei Betriebe vorher abgewinkt hatten. Wie er 40 Einzelteile von Hand gebogen hat, Stück für Stück, den ganzen August. Wie sein Vater ihm mit acht Jahren das Schweißen beigebracht hat — an der Werkbank, die heute noch in der Ecke steht. „Die kommt nicht weg. Nie.“
Zwanzig Minuten über Stolz, Herkunft und Handwerk. Und dann der Moment, in dem ich meinen Kaffee fast stehen gelassen hätte. Ich hab ihn gefragt, ob er mir mal seine Website aufmacht. Er zückt das Handy, scrollt, hält mir den Bildschirm hin. Seine „Über uns“-Seite. Zwei Sätze. Ich schwöre: zwei.
„Seit über 25 Jahren stehen wir für Qualität, Zuverlässigkeit und faire Preise.“ Und: „Unser Team ist stets bemüht, Ihre Wünsche zu erfüllen.“
25 Jahre Betrieb. Eine Werkbank, an der zwei Generationen gelernt haben. Ein Meister, der sein Handwerk liebt. Und auf der Seite, auf der genau davon stehen müsste, steht nichts. Ich hab ihn gefragt, ob er das witzig findet. Er hat lange geguckt und dann gesagt: „Nö. Das ist traurig.“
Das Schlimme daran: Er ist kein Einzelfall. Er ist der Standard. Heute geht es um die wichtigste Seite deiner Website — und darum, warum du sie seit Jahren verschenkst.
Die wichtigste Seite deiner Website ist die, für die sich keiner zuständig fühlt
Jetzt kommt der Teil, wo ich beruflich Partei bin — und es dir trotzdem ungeschminkt sage: Von allen Seiten deiner Website ist „Über uns“ die wichtigste. Nicht die Startseite, nicht die Leistungen. Die „Über uns“-Seite. Ich weiß, dass dir das noch keiner erzählt hat. Ich weiß auch, warum. Aber bleib kurz bei mir.
Denk an deinen letzten guten Auftrag. Bevor dieser Kunde bei dir angerufen hat, hatte er drei Angebote, vier Websites und ein komisches Gefühl im Bauch. Er soll einen Fremden in sein Haus lassen — an das teuerste, was er besitzt: seine Wohnung, sein Dach, seine Heizung. Und er entscheidet nicht nach deinem Leistungsverzeichnis und nicht nach deinem Preis allein. Er entscheidet nach einer einzigen Frage: Wen lasse ich da rein?
Deine Leistungen zeigen, ob du es kannst. Deine Bewertungen zeigen, ob du ordentlich arbeitest. Aber „Über uns“ ist die einzige Seite, die zeigt, wer morgens vor der Tür steht und wie der so tickt. Es ist die Seite, auf der aus einem Betrieb ein Mensch wird. Und Menschen werden beauftragt — Betriebe nicht.
Du glaubst, du verkaufst Leistungen. Dein Kunde kauft einen Menschen. Und wenn deine Website keinen zeigt, kauft er bei dem, der einen zeigt.
Was heißt das für dich, ganz konkret? Wenn deine „Über uns“-Seite aus drei Adjektiven besteht, lässt du die einzige Seite verhungern, die aus Interesse echtes Vertrauen machen würde. Der Kunde ist längst auf deiner Website. Er will anrufen. Er sucht nur noch einen Grund, warum genau bei dir. Und „Qualität, Zuverlässigkeit, faire Preise“ steht in diesem Land auf jeder zweiten Betriebs-Website. Wenn auf deiner auch, klingst du wie alle — und dann rufen die Leute eben bei allen an. Bei dir zuerst nicht.
Und das gilt auch für die Kunden, die über Empfehlung kommen. Der Kollege nennt deinen Namen, klar. Aber der Kunde googelt dich trotzdem, bevor er anruft. Was er dann sucht? Dich. Was er findet: drei Adjektive. Über Empfehlungen hab ich hier schon ausführlich geschrieben — und über die fünf Minuten danach, in denen deine Website die Empfehlung bestätigen muss. Oder sie verspielt.
Warum auf fast allen dasselbe steht
Ich sitze beruflich vor sehr vielen Handwerker-Websites, und inzwischen kann ich dir den Text aus dem Kopf aufsagen. Jahre seit Gründung. Drei bis fünf Adjektive. Ein Satz über das Team. „Zuverlässigkeit“ und „Qualität“ sind immer dabei, „fair“ fast immer. Und irgendwo ein Bild vom Firmengebäude.
Warum machen das so viele? Ich hab drei Antworten gefunden, und keine davon ist Dummheit.
Erstens: Es hat ihnen nie einer erklärt. Als die Website gebaut wurde, hieß es nur: „Da brauchst du auch eine Über-uns-Seite, die gehört dazu.“ Gehört dazu. Wie das Impressum. Pflichtprogramm. Und wer eine Pflichtübung abliefert, schreibt die Sätze, die am wenigsten falsch sind. Das sind genau die, die nichts sagen.
Zweitens: Es fühlt sich wie Angeben an. Das ist der eigentliche Grund, und er sitzt tief. Unter Handwerkern sind die verdächtig, die laut über sich selbst reden. Selbstlob stinkt, hat mal ein Schreinermeister zu mir gesagt — und mir dann eine ganze Stunde erzählt, wie er historische Türen aufarbeitet, Stück für Stück, mit Materialien, die es fast nicht mehr gibt. Als er fertig war, hab ich ihn gefragt: Warum steht das eigentlich nirgends? Er wusste es nicht.
Was du über dich erzählst, ist keine Angeberei. Es ist die Wegbeschreibung für den Kunden, der wissen will, ob er bei dir richtig ist.
Ich kenne kaum eine Berufsgruppe, die so wenig über sich erzählt wie das Handwerk. Nicht aus Arroganz-Mangel — im Gegenteil: aus Anstand. Aber Anstand ist auf diesem einen Feld die falsche Tugend. Der Kunde erwartet keinen Angeber. Er wartet auf ein Zeichen, dass du der Richtige bist. Ein Zeichen setzen ist kein Prahlen. Es ist dein Job.
Drittens: Die Seite kommt als Letztes dran. Sie wird gebaut, wenn Startseite und Leistungen fertig sind, irgendwie schnell, halbherzig: „Über uns machen wir später noch schön.“ Ich weiß das, weil ich selbst mal so gebaut habe. Es ist die Seite, die bei jedem Relaunch als letzte drankommt — und als erste vergessen wird. Die Startseite kriegt die guten Fotos, die Leistungen kriegen die Texte, und „Über uns“ kriegt den Rest. Genau umgekehrt wird ein Schuh draus.
Was heißt das für dich? Dass du aufhören darfst, diese Seite als Pflicht zu sehen. Sie ist keine Pflicht. Sie ist die Kür. Die Seite, auf der du gewinnen oder verlieren kannst — mit dem billigsten Werkzeug, das ein Betrieb hat: mit deiner Geschichte.
Was auf deine „Über uns“-Seite gehört
Die gute Nachricht: Das alles musst du nicht erfinden. Du hast es längst. Es liegt in deinem Kopf, in deinen Händen und in der Werkstatt. Sechs Dinge gehören auf die Seite:
- Dein Gesicht. Ein echtes Foto. Von dir, in deinen Arbeitsklamotten, in der Werkstatt oder auf der Baustelle. Nicht das zehn Jahre alte Hochzeitsfoto, nicht das gestellte Anzug-Porträt, das aussieht wie beim Versicherungsmakler. Echte Haut, kleine Makel, dreckige Hände — genau das kauft der Kunde. Die Fotografin Lisa Varel hat es kürzlich in einem Fachartikel auf den Punkt gebracht: „Je einfacher sich Bilder mit KI erzeugen lassen, desto wertvoller werden echte Menschen — echte Haut, kleine Makel.“ Und warum echte Fotos von echter Arbeit der stärkste Beweis sind, den du haben kannst, hab ich hier aufgeschrieben.
- Dein Warum. Warum machst du das? Ein einziger echter Satz reicht. „Mein Vater hat 1989 die Werkstatt aufgemacht, ich bin zwischen Schraubstöcken groß geworden“ schlägt drei Absätze Firmenchronik. Keiner will wissen, wann die GmbH gegründet wurde. Jeder will wissen, warum du morgens um sechs im Transporter sitzt, obwohl du es nicht müsstest.
- Wer kommt. Deine Leute — mit Namen. „Unser kompetentes Team“ ist keine Information. „Ich bin’s, und wenn ich mal nicht kann, kommt Kevin“ ist eine. Mit Gesicht dazu. Der Kunde will wissen, wem er die Tür aufmacht.
- Was passiert, wenn ich anrufe. Der unterschätzte Punkt — und für viele Kunden der wichtigste. Wer nimmt ab? Wie schnell kommt wer zurück? Was kostet der erste Termin? Nimm die Angst vor dem ersten Kontakt: Beantworte die Fragen, bevor er sie stellen kann. Der Kunde scheut nicht dich. Er scheut das Unbekannte.
- Deine Region. Ein Satz, der verrät, wo du zu Hause bist: „Wir arbeiten in Oldenburg, im Ammerland und bis nach Cloppenburg.“ Fertig. Wer lokal sucht, will genau das lesen — und dein Kunde will wissen, ob du weißt, wo sein Haus steht.
- Eine Sache, auf die du stolz bist. Eine, nicht zwölf. Die Werkbank vom Vater. Das Geländer mit den 40 Teilen. Der Kunde, der nach zwanzig Jahren zum dritten Mal angerufen hat. An so einer Geschichte hängen tausend Details, die man nicht erfinden kann — und genau deshalb glaubt man dir die eine.
Und der wichtigste Tipp steht in keinem SEO-Buch: Schreib so, wie du sprichst. Wenn dein Nachbar am Grill fragt, ob bei euch viel los ist, antwortest du ja auch nicht: „Wir sind stets bemüht, Ihre Wünsche zu erfüllen.“ Antworte auf dieser Seite genau wie beim Grillen. Nur ein bisschen sortierter.
Was nicht auf die Seite gehört
- Die Firmenchronik mit Jahreszahlen. „1996: Umzug in die neuen Räume.“ Kein Mensch liest das. Zwischen „gegründet“ und „heute“ gehört kein Zeitstrahl, sondern dein Satz von oben.
- Die Floskeln. „Qualität, Zuverlässigkeit und faire Preise.“ „Wir sind stets bemüht.“ „Ihr Anliegen ist unser Antrieb.“ Bei diesen Sätzen schaltet der Kopf ab — über diese Sorte Website-Deutsch hab ich hier schon geschrieben. Der Test: Wenn ein Satz aus deiner „Über uns“-Seite auch in einem Behördenbescheid funktioniert, gehört er gelöscht.
- Geliehene Gesichter. Stockfotos, Katalogteams, KI-Menschen. Ein fremdes Gesicht ist schlimmer als gar keins: Es weckt das Bild von einem Menschen, der nie kommt. Zeig lieber den, der wirklich an deiner Werkbank steht. Dein eigenes ist besser als jedes geliehene.
Der Test für heute Abend
Für alles hier brauchst du keinen Webdesigner und kein Budget. Nur zwanzig Minuten und ein bisschen Mut.
Mach heute Abend deine eigene Website auf und lies deine „Über uns“-Seite laut vor. Vorlesen wirkt albern, ich weiß. Mach es trotzdem: Dein Auge überfliegt Sätze wie „stets bemüht“, deinem Ohr fällt sofort auf, wie sie klingen. Dann eine einzige Frage: Würde ich diesem Menschen meine Heizung anvertrauen? Wenn die Antwort nein ist — und bei solchen Sätzen ist sie das meistens — dann hast du deine Aufgabe gefunden.
Und so schreibst du sie neu. Die Übung dauert zehn Minuten und heißt bei mir die Grillabend-Frage:
- Nimm einen Zettel. Stell dir vor, dein Nachbar fragt dich über den Zaun: „Und, was macht ihr so? Richtig was zu tun?“
- Schreib drei Sätze auf, die du ihm antwortest. Genau die, die dir zuerst aus dem Mund fallen. Mit einem konkreten Ding drin: ein Auftrag, ein Kunde, ein Teil.
- Bring diese Sätze auf die Website. Wenn du selbst Zugang hast: rein damit, untereinander, fertig. Wenn nicht: Gib sie genau so weiter an den Menschen, der deine Website betreut — als Text, nicht als Anregung. Nicht irgendeine Marketingversion davon.
Und wenn du magst, dass mal jemand von außen draufschaut: Einige Handwerkskammern bieten kostenlose Website-Checks an — die HWK Münster zum Beispiel lässt dabei Layout, Inhalte und Zielgruppenansprache prüfen. Frag bei deiner Kammer nach. Ein Check von jemandem, der dir nichts verkaufen will, ist Gold.
„Was bringt das schon?“, hör ich dich fragen. Ehrlich: Ich habe keine Ahnung, ob dich das im nächsten Monat drei Anrufe mehr kostet oder keinen einzigen. Ich habe noch kein Messgerät gefunden, das Vertrauen in Euro umrechnet. Aber ich habe sehr oft gesehen, was passiert, wenn der Funke springt. Wenn ein Kunde nach dem ersten Termin sagt: „Genau so hab ich mir das vorgestellt.“ Der meint damit selten die Rechnung. Er meint das Gefühl, richtig entschieden zu haben. Und dieses Gefühl fängt bei deiner Geschichte an. Nicht bei deinem Preis.
Und das Geländer?
Zurück in die Werkstatt. Ich hab dem Metallbauer zum Abschied einen Satz mitgegeben: „Schreib den Kram von vorhin auf. Nicht für Google — für den Nächsten, der nicht weiß, wen er in sein Haus lässt.“ Er hat genickt, nicht geschrieben — noch nicht. Aber beim Rausgehen hat er gesagt: „Vielleicht fang ich einfach mit dem Geländer an.“
Genau das. Fang mit dem Geländer an — mit dem einen Ding, das du richtig gut kannst und gern erzählst. Schreib es auf, wie dir der Schnabel gewachsen ist, und stell es dahin, wo Menschen nachschauen, ob du der Richtige bist. Auf die Seite, die keiner schön findet und jeder braucht. Die mit deinem Gesicht drauf.
Deine Website braucht keine schöneren Sätze. Sie braucht deine.