Vor zwei Wochen hat mich ein Dachdeckermeister angerufen. Nicht aus Oldenburg selbst, ein Stück weiter raus. „Daniel, ich brauch eine neue Website.“ — „Zeig mir erstmal die alte.“ — „Die gibt's nicht mehr.“ Wie bitte? — „Die war bei so einem Bekannten. Der hat sie vor zwölf Jahren gebaut. Vor drei Monaten war die Seite dann plötzlich weg. Alle E-Mails kommen zurück. Meine Kunden kriegen ihre Rechnungen nicht mehr. Und ich weiß nicht mal, bei wem die Domain läuft.“
Er hat mir die ganze Geschichte erzählt: Der Bekannte war ein EDV-Mensch aus der Nachbarschaft, hatte ihm damals alles eingerichtet. Domain, Website, E-Mail-Postfach. Alles schön. Alles auf den Namen des Bekannten. Zwölf Jahre lang lief das. Dann wurde der Bekannte krank und hat den Laden geschmissen — und niemand kam auf die Idee, die Zugänge zu übergeben. Der Dachdecker wusste nicht mal, bei welchem Anbieter die Domain liegt. Als ich sie in der Whois-Abfrage nachgeschlagen habe, stand da der Name eines Mannes, den er seit drei Jahren nicht gesprochen hat. Der Domain-Inhaber war nie er gewesen.
Und jetzt rate mal, was er machen durfte: neue Domain, neue E-Mail-Adressen, neue Website. Die alte Domain — zwölf Jahre alt, auf jedem Flyer und jeder Visitenkarte, die er in zehn Jahren verteilt hat — war weg. Nicht kaputt. Weg. Wie ein Transporter, der auf den Namen deines Zulieferers zugelassen ist und mit dem der Zulieferer einfach in den Urlaub fährt.
Ich erzähl dir das nicht, um dir Angst zu machen. Ich erzähl dir das, weil ich diese Geschichte inzwischen zum dritten Mal in einem Jahr höre. Andere Handwerker, andere Dörfer, gleiches Muster: Die Website wurde vor Jahren von jemandem gebaut, der heute nicht mehr erreichbar ist. Und der Betrieb steht da wie der Mieter einer Wohnung, deren Vermieter die Schlüssel mitgenommen hat.
Wenn deine Domain auf den Namen eines anderen läuft, besitzt du keine Website. Du bist Mieter — und der Vermieter kann jederzeit kündigen.
Wer ist dieser Typ von damals überhaupt?
Schau dir ehrlich an, wer die Websites in deiner Branche gebaut hat. Nicht die neuen. Die von vor zehn, fünfzehn Jahren. Da war selten eine Agentur dabei. Da war der Cousin, der „gut mit Computern“ war. Der Bekannte aus dem EDV-Büro. Der Sohn vom Stammtisch-Kumpel, der das neben dem Studium gemacht hat. Ich hab darüber schon geschrieben: Warum die meisten Handwerker-Websites aussehen wie 2008 — und wessen Schuld das ist. Aber es gibt einen Unterschied zwischen „sieht alt aus“ und „gehört dir nicht“. Und den merkst du erst, wenn der Typ von damals verschwindet.
Und der verschwindet irgendwann. Der Cousin ist längst woanders. Das EDV-Büro hat vor fünf Jahren dichtgemacht — oder wurde übernommen, und der Übernehmende hat die alten Kunden nie interessiert. Der Sohn vom Kumpel ist nach München. Und wenn derjenige, auf dessen Namen alles läuft, krank wird, in Rente geht oder einfach keine Lust mehr hat, dann steht ein Handwerker da mit einer Website, die keiner mehr anfassen kann. Was heißt das konkret für dich? Deine Website ist nur so viel wert, wie dein Zugriff darauf. Nicht die Optik entscheidet. Nicht der Text. Die Frage ist: Kannst du sie morgen umziehen, wenn du willst?
Was es kostet, wenn dir deine Website nicht gehört
Lass mich das durchgehen — nicht mit irgendwelchen Studien, sondern mit dem, was ich bei dem Dachdecker und den anderen gesehen habe. Erstens: die Domain. Eine Domain, die zwölf Jahre läuft und unter der die Leute dich kennen, ist keine Internetadresse. Sie ist der Name, unter dem Google dich einsortiert hat. Ist sie weg, fängst du bei null an — und ein neuer Name steht frühestens in Monaten da. Wenn überhaupt.
Zweitens: die E-Mails. Das ist der Teil, den alle unterschätzen. Bei dem Dachdecker hing die @betriebsname.de-Adresse an der Domain — die Adresse, die seit Jahren auf jedem Angebot und jeder Rechnung stand. Als die Domain starb, starb der komplette Schriftverkehr mit. Kunden schrieben und bekamen ihre Mails als Bounce zurück. Frag mich nicht, wie viele Aufträge das gekostet hat, bevor er mich anrief. Er wusste es selbst nicht.
Drittens: der Zeitpunkt. So was passiert nie, wenn du gerade Zeit hast. Es passiert mitten in der Saison — oder schlimmer: wenn du den Betrieb verkaufen oder übergeben willst. Letzte Woche hab ich geschrieben, dass deine Website das Gedächtnis deines Betriebs ist, das Einzige, das auch ohne dich funktioniert: „Ich hab genug Arbeit, ich brauch keine Website“ — der Satz, der deinen Betrieb nichts wert macht. Jetzt die unangenehme Ergänzung: Was nützt dir das beste Gedächtnis, wenn es auf fremden Namen läuft? Ein Käufer, der die Website nicht übernehmen kann, weil die Domain dem aufgelösten EDV-Büro gehört — der zahlt dir dafür genau nichts.
Ich hab keine Ahnung, wie vielen Betrieben in Deutschland das passiert. Ich weiß nur: In meinem Bekanntenkreis sind es drei Fälle in einem Jahr. Und die Reaktion war jedes Mal dieselbe: „Das wusste ich nicht.“ Genau da liegt der Punkt. Das ist kein Technik-Problem. Das ist ein Besitz-Problem — und das löst man einmal, in zehn Minuten. Dazu gleich mehr.
Ich hab den Fehler selbst gemacht
Jetzt das Unangenehme: Ich hab früher selbst Domains auf meinen Namen registriert. Am Anfang, als ich Websites verkauft habe, war das meine „Absicherung“: Wenn der Kunde nicht zahlt, hab ich wenigstens noch die Domain. Klingt clever. Ist es nicht. Ich habe damit genau das Modell gebaut, vor dem ich dich hier gerade warne — nur umgekehrt. Der Kunde zahlt, und ich sitze auf seinem Eigentum.
Irgendwann hat mich ein Kunde gefragt, ob er seine Website zu einem anderen Anbieter mitnehmen kann. Und mir ist aufgefallen, wie zäh ich da reagiert habe. Da wusste ich: Das ist falsch. Heute läuft bei mir jede Domain von Tag eins auf den Namen des Kunden. Steht so im Vertrag. Zugänge werden übergeben, sobald die Seite steht. Wenn ein Kunde morgen gehen will, nimmt er alles mit. Ich verliere einen Kunden. Er verliert nichts. So muss das sein: Wer deine Website baut, ist dein Dienstleister. Nicht dein Vormund.
Deine Website ist dein bester Mitarbeiter. Aber der beste Mitarbeiter bringt dir nichts, wenn sein Arbeitsvertrag auf den Namen deines Nachbarn läuft.
Der 10-Minuten-Check: Gehört deine Website noch dir?
Hier ist, was du heute noch machen kannst. Zehn Minuten, kein Fachwissen nötig:
- Check 1: Wem gehört die Domain? Geh auf die Whois-Abfrage der DENIC und tipp deine .de-Adresse ein. Wenn dort nicht dein Name oder dein Betrieb steht, hast du dein erstes Problem gefunden. Bei .de ist der Domain-Inhaber dokumentiert — da steht schwarz auf weiß, wem dein Grundstück gehört.
- Check 2: Kannst du das Konto sehen? Die Domain wird irgendwo verwaltet — bei einem Provider, in einem Kundenkonto. Weißt du, wo? Hast du den Login? Wenn nein: Wer hat ihn? Und wie erreichbar ist derjenige heute?
- Check 3: Was passiert mit deinen E-Mails? Läuft deine @deinbetrieb.de-Adresse über die Domain? Dann ist sie bei Check 1 gleich mit betroffen. Nicht die hübsche Website ist der Notfall — die E-Mail ist es.
- Check 4: Hast du ein Backup? Gibt es eine Kopie deiner Website — Dateien, Texte, Bilder —, die du selbst anfassen kannst? Nicht dein Webdesigner. Du.
- Check 5: Der Wechsel-Test. Angenommen, du willst morgen den Anbieter wechseln: Kannst du alles mitnehmen? Wenn du zögern musst, bist du nicht Eigentümer. Du bist Gast.
Und wenn einer der Checks schiefgeht? Nicht in Panik verfallen, sondern das Gespräch suchen. Die meisten Fälle lassen sich klären, solange der andere noch da ist. Und je früher du es weißt, desto billiger wird es: Eine neue Domain, bevor der Schaden da ist, ist ein Klacks. Eine neue Domain nach dem Schaden ist ein Projekt.
Und wenn deine Domain dir gehört, mach direkt den Check aus der letzten Woche weiter: Deine Website wurde gehackt. Und du merkst es nicht mal. Erst der Besitz, dann die Sicherheit — beides zusammen sind die zehn Minuten, die deinen Webauftritt im Griff behalten.
Was in deinem Vertrag stehen muss
Falls du gerade eine neue Website planst — oder den Vertrag mit deinem Anbieter in der Schublade hast —, hier sind die Sätze, auf die es ankommt:
- Die Domain wird auf den Namen des Auftraggebers registriert. Punkt. Nicht „kann“, nicht „auf Wunsch“ — sofort und automatisch.
- Alle Zugänge — Domain-Verwaltung, Hosting, E-Mail, Website-Administration — gehören dem Betrieb und werden bei Vertragsende vollständig übergeben.
- Bei Vertragsende gibt es ein vollständiges Backup der Website. Bevor irgendetwas anderes passiert.
- Dein Anbieter ist Dienstleister, nicht Besitzer. Wenn er das nicht akzeptiert, frag dich, warum er so fest an deiner Domain hängt.
Und wenn dein aktueller Vertrag das nicht hergibt? Dann ist genau das der Grund für ein ehrliches Gespräch. „Ich will einfach wissen, wem meine Domain gehört.“ Wenn darauf keine klare Antwort kommt, hast du deine Antwort.
Dein bester Mitarbeiter sollte dich überleben
Ich weiß, das klingt nach viel Misstrauen. Ist es nicht. Die allermeisten, die Websites bauen — auch ich — wollen ihren Kunden nichts Böses. Aber „will nichts Böses“ ist kein Eigentumsnachweis. Und die Realität heißt: Leute gehen in Rente, Firmen machen zu, Bekanntschaften enden. Deine Website sollte den Betrieb überleben. Nicht den Bekannten von damals.
Der Dachdecker hat inzwischen eine neue Domain, neue E-Mails, eine neue Website. Diesmal auf seinen Namen, mit den Zugängen in seiner Schublade. Es hat ihn einen Monat gekostet und mehr Nerven, als ich zugeben will. Und es wäre vermeidbar gewesen — mit einem einzigen Blick in den Whois-Eintrag, vor zwölf Jahren.
Mach den Check heute. Zehn Minuten. Und wenn da dein Name steht: Glückwunsch. Dann gehört dein bester Mitarbeiter wirklich dir.