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Handwerk digital20.08.2026 · 8 Min.

MyHammer & Co: Ich hab einem Elektriker die Rechnung aufgemacht — und er hat sein Profil fast gelöscht

Letzte Woche hat mir ein Elektriker stolz sein Handy hingehalten. „Schau mal, Daniel — 4.800 Euro. Über MyHammer.“ Der Auftrag: komplette Elektroinstallation in einem Altbau, Bad neu, drei Zimmer. Er hatte sich gegen vier andere Bewerber durchgesetzt, der Kunde war zufrieden, die Arbeit war sauber. „Und das Beste“, sagt er, „das Portal hat mich keinen Cent gekostet.“ Da hab ich ihm die Zahlen gezeigt, die er mir vorher geschickt hatte — und ihm gesagt: Doch. Genau da liegt das Problem.

Ich verdiene mein Geld damit, Handwerkern digitale Sachen zu bauen und zu erklären. Und trotzdem rate ich den meisten von Auftragsportalen ab. Nicht weil Portale böse sind. Sondern weil fast niemand rechnet, bevor er dort ein Angebot abgibt. In diesem Artikel kriegst du dieselbe Rechnung, die ich dem Elektriker aufgemacht hab — mit allen Posten, die sonst keiner nennt.

Auf MyHammer & Co gewinnt nicht der beste Handwerker. Es gewinnt der billigste. Und wenn du der billigste sein willst, sparst du am Ende woanders — meistens bei dir selbst.

So funktioniert das Ding — und warum die Rechnung schiefgeht

Für alle, die noch nie auf einem Portal geboten haben: Der Ablauf ist immer gleich. Ein Kunde stellt eine Anfrage ein — „Elektriker gesucht, Altbau, 80 Quadratmeter, Bad neu“. Handwerker schicken ihre Preise. Der Kunde vergleicht, schaut auf Bewertungen, nimmt in neun von zehn Fällen das günstigste Angebot. Und das Portal kassiert eine Provision auf den Auftragswert — irgendwo zwischen zehn und zwanzig Prozent, je nach Portal und Gewerk. Die genauen Zahlen ändern sich ständig, also schau selbst nach, bevor du dich anmeldest.

Klingt fair: kein Auftrag, keine Provision. Das Problem: Die Provision ist nur der sichtbare Teil der Rechnung. Die unsichtbaren Posten sind viel größer. Mein Elektriker hat alle drei auf einmal kassiert.

Posten 1: Der Kunde gehört dir nicht

Der Altbau war in vier Wochen fertig. Sauber, ordentlich, auf den Punkt. Der Kunde war begeistert — und stellt beim nächsten Projekt trotzdem wieder eine Anfrage aufs Portal. Natürlich. Er weiß ja nicht mal, wie der Elektriker hieß. Für ihn war das ein anonymes Angebot unter vier anderen, abgewickelt über eine Plattform, die er beim nächsten Mal einfach wieder öffnet.

Vergleich das mit einem Auftrag, der über eine Empfehlung reinkommt: Der Kunde hat sich für DICH entschieden. Der erzählt beim Nachbarn von dir. Der ruft dich in drei Jahren wieder an, wenn die Küche neu muss. Ein Portal-Kunde ist kein Kunde — er ist ein Schnäppchenjäger auf Zeit. Sobald jemand anders 200 Euro günstiger ist, bist du vergessen.

Ein Portal-Kunde ist kein Kunde. Er ist ein Schnäppchenjäger auf Zeit — und du bist nur der, der gerade am billigsten war.

Posten 2: Der Wettlauf nach unten

Jetzt kommt der Teil, den mein Elektriker nicht hören wollte. Sein Angebot: 4.800 Euro. Der Zweite: 4.650. Der Dritte: 4.200. Der Vierte: 3.900. Er hat den Zuschlag bekommen, weil er die besten Bewertungen hatte — aber glaubst du, der Kunde erinnert sich daran? Beim nächsten Projekt schreibt er wieder fünf Betriebe an. Und irgendwann ist der Tag, an dem ein Kollege mit 3.400 bietet, weil er gerade keine Aufträge hat und seine Leute trotzdem bezahlen muss.

Das ist der Mechanismus, den Portale geschickt nutzen: Für dich ist jede Anfrage ein Einzelfall. Für das Portal ist es ein Markt, auf dem Preise gegeneinander ausgespielt werden, bis einer nachgibt. Ich hab keine Ahnung, ob irgendeine Studie das mit einer schönen Zahl belegt — aber ich sehe es seit Jahren in den Zahlen meiner Kunden: Wer regelmäßig über Portale arbeitet, dessen Preise sinken. Nicht weil er schlechter wird. Weil er mitspielt.

Posten 3: Provision, Sonderwünsche und deine Zeit

Die Rechnung im Detail: 4.800 Euro Auftrag, rund 700 Euro Provision — je nach Portal und Konditionen, schau selbst nach. Bleiben 4.100. Dazu die Angebotsphase: zwei Abende für Fotos, Referenzen, ein ordentliches Angebot — plus die vier weiteren Interessenten, die angefragt haben und am Ende woanders zuschlagen. Und dann die Sonderwünsche: „Macht der Herr noch schnell mit“. Steckdosen versetzen, Lampe anschließen, das Übliche, das nie im Angebot stand und nie berechnet wird.

Jetzt die Gegenrechnung. Der gleiche Auftrag über eine Empfehlung: keine Provision, kein Gebot, kein Portal. Der Kunde ruft an, weil ihn jemand geschickt hat, der dir vertraut. Der fragt nicht, ob du 200 Euro runtergehst — er will dich, nicht den billigsten. Die 700 Euro bleiben in deiner Tasche. Und der Kunde ist in drei Jahren immer noch da.

Mein Elektriker hat mir zwei Wochen später geschrieben. Er hatte alles zusammengerechnet — Provision, die zwei Abende, die Sonderwünsche, die Anfahrt, die er nicht berechnet hat. Sein Fazit: „Unterm Strich war das ein Nullgeschäft. Eher ein Minusgeschäft, wenn ich meine Zeit rechne.“ Er hat sein Portal-Profil nicht gelöscht. Aber er bietet dort nur noch in einer bestimmten Situation — und die bringt mich zum nächsten Punkt.

Wann Portale trotzdem eine gute Idee sind

Ich will nicht so tun, als wären Auftragsportale per se schlecht. In zwei Situationen rate ich sogar dazu.

Erstens: Notdienst-Gewerke. Rohrreiniger, Elektro-Notdienst, Schlüsseldienst. Wer um elf Uhr nachts ein verstopftes Rohr hat, vergleicht keine Preise — der will, dass es heute Nacht wieder fließt. In diesen Gewerken sind die Portal-Preise hoch, die Provision ist einkalkuliert, und der Kunde kommt zwar nie wieder, aber der nächste Notfall steht schon in der Pipeline. Wenn dein Geschäft „sofort, egal was es kostet“ heißt, sind Portale ein guter Kanal.

Zweitens: Wenn du gerade anfängst oder eine Lücke stopfen musst. Neues Gewerk, neue Stadt, Auftragsflaute im Januar — dann kann ein Portal deine Leute bei Laune halten, während du dir Bewertungen und Empfehlungen aufbaust. Aber behandle es wie einen Notnagel, nicht wie eine Strategie. Und rechne vorher aus, was deine Stunde wirklich kosten muss — sonst bietest du dich in den Keller.

Was ich stattdessen machen würde

Hier kommt der unbequeme Teil: Die Energie, die du in Portale steckst — Angebote schreiben, Preise drücken, Profil pflegen — bringt woanders das Dreifache. Nicht weil ich das schön finde, sondern weil ich es jeden Tag sehe.

Erstens: Bewertungen. Ein Kunde, der zwischen dir und drei anonymen Portal-Anbietern wählt, schaut auf Sterne. Wer 30 ehrliche Bewertungen hat, gewinnt — auch wenn er 200 Euro teurer ist. Ich hab das hier schon ausführlich aufgeschrieben, inklusive der Geschichte von dem Fliesenleger, dessen bester Auftrag aus einer Bewertung von 2019 kam: Vergiss die Website — hol erstmal 30 Google-Bewertungen.

Zweitens: Schnelligkeit. Wer am selben Tag antwortet, bekommt den Auftrag — bevor die anderen überhaupt gelesen haben. Klingt banal, ist aber der Unterschied zwischen voller und leerer Auftragslage: Dein Kunde schreibt dir eine WhatsApp. Wenn du zu spät antwortest, ist der Auftrag weg.

Drittens: Wenn du dein Geld lieber in Werbung steckst, dann in etwas, das du selbst steuerst — nicht in eine Provision, die du nicht siehst. Ich hab mein eigenes Google-Ads-Budget fast verbrannt, bevor ich es kapiert hab; die Fehler, die du dabei nicht machen solltest, stehen hier: Google Ads für Handwerker: Ich hab mein eigenes Budget verbrannt, damit du's nicht musst.

Die vier Fragen vor dem nächsten Klick

Bevor du das nächste Mal auf „Angebot abgeben“ drückst, stell dir vier Fragen. Erstens: Was kostet meine Stunde wirklich — inklusive Material, Maschine, Fahrer, Versicherung? Zweitens: Was ist die Provision auf diesen Auftrag — in Euro, nicht in Prozent? Drittens: Was ist der Auftrag wert, wenn der Kunde nie wiederkommt und niemandem von mir erzählt? Und viertens: Was würde passieren, wenn ich die zwei Stunden, die ich hier reinstecke, in Bewertungen und Empfehlungen stecke?

Ich hab keine Ahnung, was du dann entscheidest. Aber ich weiß, was mein Elektriker entschieden hat: Er bietet nur noch auf Notfälle, und die freien Kapazitäten steckt er in ein paar gezielte Anzeigen. Der Altbau war sein letzter Auftrag, bei dem er am Ende draufgezahlt hat.

Die beste Provision ist die, die du nie zahlst: ein Kunde, der dich direkt anruft, weil ihn jemand geschickt hat.

Daniel Ludmann

KI-Entwickler & Web Designer aus Essen (Oldenburg). Ich baue schnelle, ehrliche Websites für kleine Betriebe.

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